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Sonntagspost (30.05.2021)

 für den Sonntag Trinitatis zu Joh 3, 1-8, Pn Anne Vollert

 

„Die Antwort weiß ganz allein der Wind / The answer is blowin´ in the wind“.  Seinen 80. Geburtstag konnte der Dichter und Sänger dieses Liedes in der zurückliegenden Woche feiern, liebe Gemeinde. Bob Dylan wurde am 24. Mai 1941 geboren. Das Lied gehört zu den bekanntesten der Welt. Ja es wurde sozusagen zur Hymne für eine ganze Generation, die sich seit den 60er-Jahren für Frieden und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hat.

Bob Dylan stellt in dem Lied kritische Fragen an unsere Gesellschaft: Wie oft müssen die Kanonenkugeln fliegen, bevor sie für immer verbannt werden? Wie viele Jahre können Menschen überleben, bevor sie frei sein dürfen? Und wie viele Tote muss es geben, bis jemand merkt, dass zu viele Menschen gestorben sind? Die Fragen machen nachdenklich, doch einfache Antworten gibt es nicht: The answer is blowin´ in the wind – die Antwort verweht im Wind.

          „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“ So hat es Jesus einmal gesagt. Wir hörten es in der Lesung. Im ersten Moment hören sich die Worte ähnlich an wie der Refrain von Bob Dylans Lied.

Doch hinter dem Satz Jesu steckt ein Wortspiel: das griechische Wort für Wind – pneuma – heißt auch Geist und wird für den Heiligen Geist verwendet: Nicht nur der Wind weht, wo er will, auch Gottes Heiliger Geist tut das; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. Jesus sagt das im Gespräch mit Nikodemus, einem einflussreichen Mann in der jüdischen Gesellschaft. Offiziell gehörte er zu denen, die Jesus verfolgten, darum sucht er das Gespräch mit Jesus in der Nacht.

Heimlich bewundert Nikodemus Jesus, doch er hat auch viele Fragen. Allerdings kommt er kaum zu Wort. Es scheint fast so, als redeten die beiden aneinander vorbei.

Über die Bewunderung geht Jesus einfach hinweg und sagt:

„Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

Nikodemus kann nicht folgen. Wohl auch, weil der Ausdruck „von oben geboren“ im Griechischen doppeldeutig ist. Genauso gut könnte es heißen: „von neuem geboren“. Deshalb erwidert Nikodemus: „Das kann doch nicht sein, dass ein Mensch, der längst geboren ist, noch einmal geboren wird!“

Jesus versucht zu erklären: Es geht nicht um eine zweite Geburt, sondern es geht um die Geburt „von oben“. Es geht um das Geschenk des Heiligen Geistes, so wie wir es in der Taufe feiern: „Wenn jemand nicht aus Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.“ Nikodemus glaubt, dass in Jesus Gottes Geist wirkt. Doch woher das kommt und wohin das führt, das bleibt ihm verborgen. Darum sagt Jesus: „Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht.“

          „Der Geist weht, wo er will!“ Es lässt sich nicht einfach erfassen, wie er wirkt. Das bedeutet auch: Das Wirken des Geistes lässt sich nicht in Kirchenmauern, Traditionen und kirchlichen Verlautbarungen einfangen. Überall und manchmal ganz überraschend lassen sich Menschen vom Heiligen Geist in Bewegung bringen.

Wer Augen und Ohren hat für solch unvorhersehbares Wirken des Geistes, der konnte in den zurückliegenden Monaten viele Überraschungen erleben. Die Corona-Pandemie hat unser Leben ja sehr umfassend bestimmt. Vieles ist nicht möglich gewesen, aber es ist auch Neues in Bewegung gekommen. Frischen Wind hat es gegeben in den Formen, wie wir Gottesdienst feiern und das Evangelium weitersagen. Menschen, die weit weg waren von den Fragen des Glaubens, haben sich auf digitalem Weg ansprechen und in Bewegung bringen lassen. Kontakte in nachbarschaftlicher Nähe, aber auch in der Weite des Internets sind entstanden – und dabei sicherlich auch manche nächtlichen Gespräche über den Glauben. Neue Ideen sind entstanden, wie man in heutiger Zeit Christsein leben kann.

Gott sei Dank gehen die Infektionszahlen in diesen Tagen zurück, und ich spüre im öffentlichen Leben und auch in der Kirche eine Aufbruchstimmung. Im Sinne des Geistes, der uns in Bewegung bringt, hoffe ich, dass es in der Kirche nicht einfach eine Rückkehr zu alten Gewohnheiten gibt, sondern dass wir uns erfassen lassen vom frischen Wind, der weht, wo er will. Auch wenn wir noch nicht wissen, wohin dieser Geist uns führt.

          Gottes Geist wirkt, wo er will. Also nicht nur in der christlichen Gemeinde, nicht nur in der Kirche. Mit den Augen des Glaubens können wir auch in der Gesellschaft, in der Politik, überall auf der Erde erkennen, wie durch Gottes Geist Neues entstehen kann.

Vor gut 30 Jahren haben die Scorpions den „Wind of Change“, den Wind der Veränderung, besungen. In dem Lied heißt es:  „Zukunft liegt in der Luft, ich kann es überall spüren, ich lasse mich tragen im Wind der Veränderung.“

Gemeint sind hier ganz weltliche Ereignisse, und die meisten haben kaum an das Wehen des Geistes gedacht. Doch mit den Augen des Glaubens betrachtet, mit der Perspektive von oben, kann man hier Gottes Wirken erkennen. Wie Jesus zu Nikodemus sagte: „Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“

          Aber es lassen sich nicht alle vom Wind der Veränderung ergreifen. In der zurückliegenden Woche ist das einmal mehr in Belarus erkennbar geworden. Der Machthaber Lukaschenko hat eine Passagiermaschine, die Belarus überfliegen sollte, zur Landung gezwungen. Ziel war es, einen regimekritischen Blogger gefangen zu setzen. Lukaschenko nimmt den Bruch internationalen Rechts und die weltweite Kritik in Kauf, nur um Veränderungen in seinem Land zu verhindern. Solches Handeln unterdrückt den Wind der Veränderung und ist sicherlich nicht vom Geist Gottes bewegt. Ich muss an ein Sprichwort aus China denken: „Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern, die anderen Windmühlen.“

          Darauf kommt es also letztlich an: Dass wir nicht Mauern, sondern Windmühlen bauen. Dass wir uns nicht abschotten gegen Gottes Geist, sondern mitnehmen lassen, wohin er uns führt. In diesem Geist begegnet uns der dreieinige Gott, der uns verwandelt und uns führt, wohin er will. Die Antwort auf unsere Lebensfragen ist nicht vom Wind verweht, sondern ist zu finden, wo wir uns diesem heiligen Geist anvertrauen.

Lasst uns darum um Gottes Geist bitten, so wie es in einem Pfingstlied heißt: „Komm, Heilger Geist, mit deiner Kraft, die uns verbindet und Leben schafft. Wie der Sturm so unaufhaltsam, dring in unser Leben ein. Nur wenn wir uns nicht verschließen, können wir deine Kirche sein.“